Bibliothek König Karls V. und dessen Familie

Paradigma für die Rekonstruktion einer fürstlichen Bibliothek

“… Est biau tresor a un roy avoir grant multitude de livres” (Songe du Vergier, Buch I, Kapitel 34). So endet entsprechend dem Bericht von 1378 die Debatte am Hof von Karls V., wo der Bedarf an einer königlichen Bibliothek mit alten und neuen Büchern befürwortet wird, denn “Bücher sind ein Bollwerk gegen die Tyrannei”.

Die Bibliothek, die Karl V. im Falknerturm des Louvre zusammengetragen hat, war mehr als eine fabelhafte Sammlung von Büchern (mit über 900 Bänden im Jahr 1380) zur Verfügung des Königs und seiner Räte. Außerordentlich für die damalige Zeit war der Bestand an annähernd 2500 Texten in französischer Sprache - Beleg für die Bedeutung des Französischen als Gelehrten- und Verwaltungssprache. Die Bibliothek war ein Symbol der königlichen Macht, ein hoheitliches Symbol der Könige von Frankreich, und in diesem Sinn bereits eine Staatsbibliothek. Das Frontispiz der französischen Übersetzung von John of Salisburys Policraticus, wo der weise König vor einem Bücherstand sitzt, ist Sinnbild seiner Macht (Bibliothèque nationale de France, MSS Français 24287, f. 2).

Der König verfügte über kleinere Bibliotheken in seinen Residenzen im Hôtel Saint-Pol, Melun, Saint-Germain und insbesondere in Vincennes, wo die kostbarsten Bücher aufbewahrt wurden, mit etwa 50 ausgesuchten Psalterien, Stundenbüchern und paraliturgischen Texten.

Zwei Quellen ermöglichen uns eine anschauliche Vorstellung von der Bibliothek Karls V. im vierzehnten Jahrhundert:

  • eine Reihe von Inventaren aus den Jahren 1380, 1411, 1413 und 1424 liefern Informationen über die Topographie und die Organisation der Bibliothek, ihren Inhalt und den Marktwert der Bücher
  • mindestens 120 erhaltene Texte (die Zahlenangaben sind nicht endgültig) wurden weltweit in dreißig Institutionen nachgewiesen, davon 69 in der Bibliothèque nationale de France, 7 in anderen französischen Bibliotheken und 44 in Bibliotheken außerhalb von Frankreich. Viele davon wurden wissenschaftlich untersucht von Leopold Delisle (Recherches sur la Librairie de Charles V, Paris 1907, 2 Bände), François Avril (La Librairie de Charles V, eine Ausstellung an der Bibliothèque nationale de France, 1968), sowie durch andere Forscher.

Nachdem die Bibliothek im Jahr 1380 im Erbgang an Karl VI. gefallen war, löste sie sich Schritt für Schritt auf. Schließlich wurde sie für einen lächerlich geringen Preis an den Herzog von Bedford, damals Regent von Frankreich, verkauft. Der Herzog ließ die Bibliothek nach Rouen verfrachten; nach seinem Tod im Jahr 1435 gelangte die Sammlung nach London, wo sie aufgelöst wurde.

Moderne Technologie ermöglicht die virtuelle Rekonstruktion dieser königlichen französischen Bibliothek auf der Grundlage des Inventars von 1380.

Drei Handschriften sind bereits vollständig im Internet zugänglich:

  • die französische Version des Miroir des dames von Durand de Champagne, gewidmet Jeanne de Navarre, Ehefrau Philipps des Schönen: Handschrift Corpus Christi College 324, Cambridge
  • die Miracles de Notre-Dame von Gautier de Coincy, illustriert von Pucelle für Jeanne de Bourgogne, Ehefrau von Philipp VI von Valois: Handschrift NAF 24541, Bibliothèque nationale de France
  • ein Band von Saint Augustine's Cité de Dieu, übersetzt von Raoul de Presles: Handschrift Typ 201, Houghton Library of Harvard

Im Rahmen des Europeana Regia-Projekts werden nahezu 80 Prozent dieser bedeutenden Bibliothek rekonstruiert durch Digitalisierung und wissenschaftliche Katalogisierung von 76 Handschriften in französischen Bibliotheken, zehn Handschriften in der Königlichen Bibliothek von Belgien und zwölf Handschriften der British Library in London.

Die Bibliothek Karls V. von Frankreich wurde zum Modell für Königs- und Adels-Bibliotheken des 15. Jahrhunderts. Dies wird aufgezeigt durch eine Auswahl von digitalisierten Handschriften vor allem aus den Bibliotheken von Louis d’Orléans und Jean, duc de Berry – ihres Zeichens bekannte Bibliophile mit großem Einfluss auf das Königshaus im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert.

Bibliothek König Karls V. und dessen Familie

Paris Bibliothèque nationale de France MSS Français 598 - f. 1r.
Giovanni Boccaccio: Le livre des femmes nobles et renommées [De claris mulieribus], Anonyme französische Übersetzung
Paris Bibliothèque nationale de France MSS Français 598
Brussels, KBR, ms. 9507
Thomas de Cantiprato, Bonum universale de apibus [Französische Übersetzung]
Brüssel Koninklijke Bibliotheek van België - Bibliothèque royale de Belgique ms. 9507
Paris Bibliothèque nationale de France MSS Français 157 - f. 11v.
Guiart des Moulins: Bible historiale
Paris Bibliothèque nationale de France MSS Français 157